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Die Wochenzeitung im Gespräch mit Niederstotzingens Bürgermeister Marcus Bremer

Bürgermeister Marcus Bremer über das Jugendzentrum, das Stadtentwicklungskonzept und den Bereich Bildung und Betreuung in Niederstotzingen.
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Foto: Wochenzeitung

WZ: Herr Bürgermeister Bremer, worauf ist man in Niederstotzingen in kultureller Hinsicht besonders stolz? Welche Planung bestehen?
 
BM Marcus Bremer: Allein die wunderschöne Landschaft der Schwäbischen Alb am Übergang zur Donauniederung, wo wir wohnen und leben dürfen, stellt für uns in Niederstotzingen eine Besonderheit dar. Niederstotzingen besitzt eine spannende Ortsgeschichte, auf die wir stolz sind. Im Grunde lässt sich die ganze Besiedlungsgeschichte seit der Ankunft des modernen Menschen vor 40.000 Jahren in der Stadt Niederstotzingen ablesen. Wir haben spannende Belege für die Besiedlung durch Kelten, der Römer bis hinein in das Mittelalter, welches bei uns durch die Ritterschaften geprägt war. Bereits im Jahr 1365 erhielt Niederstotzingen das Stadtrecht, gefolgt vom Marktrecht 1430. In Kooperation mit der VHS Niederstotzingen und dem Förderverein Lebenswerte Stadt Niederstotzingen werden wir ab 2021, in Abhängigkeit der Corona-Pandemie, verstärkt Stadtführungen mit ehrenamtlichen Guides anbieten.
 
Bezogen auf den Archäopark Vogelherd befinden wir uns mit politischen Vertretern auf Landesebene in Gesprächen über die Frage der Finanzierung und der Finanzierbarkeit des Archäoparks. Es kann nicht sein, dass wir als Stadt mit 4700 Bürgern ein Erbe der Menschheit erhalten und hierzu Wissen vermitteln sollen, aber auf der anderen Seite die Finanzierung allein stemmen sollen. Wir sind bisher in Vorleistung getreten und auch stolz darauf, was wir bisher geleistet haben. In welcher Form wir Änderungen herbeiführen können, und das Land Baden-Württemberg miteinsteigt, loten wir derzeit aus. Ich bin der Überzeugung, dass es eine gemeinschaftliche Aufgabe sein muss unser ausgezeichnetes Besucher- und Informationszentrum im Archäopark in die Zukunft zu führen. Das Land Baden-Württemberg bzw. die Bundesrepublik muss Ihrer Verantwortung gegenüber den Städten und Gemeinden gerecht werden, welche die UNESCO-Welterbestätten tragen. Bei der Keltenkonzeption oder im Bereich der Freilichtmuseen spielen Millionenbeträge keine Rolle. Die gleiche Unterstützung fordern wir auch für Niederstotzingen. Denn auch vom Gesamtkonzept her gesehen sind wir im Archäopark Vogelherd sehr gut ausgerichtet. Wir arbeiten eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Universität Tübingen (Prof. Nicholas J. Conard, PhD) zusammen, um das Leben der ersten modernen Menschen wissenschaftlich fundiert und interessant zu präsentieren. Seit 2013 haben wir uns konstant weiterentwickelt. Das Thema Forschen - Entdecken - Erleben steht im Vordergrund, das wir mit den Themenplätzen im Außenbereich abbilden. Hervorragende Archäo-Guides vermitteln das Wissen über das Welterbe. Mit dem Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal unter dem Vorsitz von Hermann Mader sind wir in die Projektarbeit für Sonderausstellungen gestartet. Dr. Michael und Gabriele Rogowski haben das wunderbare Mammut gespendet. In den Wasserspielbereich vor dem Archäopark haben wir investiert. Er kann ohne Entgelt genutzt werden und gehört zu den Themenwegen, die sich im Lonetal im Aufbau befinden. Seit 20. September ist das neue Projekt Augmented Reality gestartet.
 
WZ: Herr Bürgermeister Bremer, wie wichtig sind Ihnen Transparenz im Miteinander und eine ausgeprägte Informationspolitik. Welche Ziele, Erwartungen oder Hoffnungen verbinden Sie damit?
 
BM Marcus Bremer: Ich glaube, es ist maßgeblich, dass die Entscheidungen, die in Gremien getroffen werden, wie auch das Verwaltungshandeln, transparent sind. Dies führt zur Meinungsbildung innerhalb der Bevölkerung. Es ist wichtig, dass unser Handeln nachvollziehbar ist, da wir mit öffentlichen Geldern operieren. Die Menschen müssen wissen, was vor sich geht und die Chance erhalten, ihre Meinung kund zu tun und sich am öffentlichen Geschehen zu beteiligen. Die Erwartung und Hoffnung besteht darin, dass sich auch zukünftig Menschen aktivieren lassen, sich in Gremien wie den Gemeinderat wählen zu lassen, sich dafür zu Wahl stellen. Damit wir auch in Zukunft tragfähige Entscheidungen fällen können - dafür ist eine gute Durchmischung in den Gremien notwendig. Dies gilt auf kommunaler Ebene genauso wie für die Landes- oder Bundespolitik.
 
WZ: Herr Bremer, welche Projekte bewegen Niederstotzingen derzeit?
 
BM Marcus Bremer: Ein maßgebliches Projekt mit rund vier Millionen Euro ist derzeit die Sanierung des ehemaligen Hauptschulgebäudes. Die Grundschule wird das Gebäude in Zukunft nutzen, da wir keine Hauptschule mehr haben. Wir können den Unterricht fortan in einem Gebäude bündeln, die Fachräume nutzen, zum Beispiel liegt uns die Lehrküche am Herzen. Für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen haben wir die Kinder- und Jugendversammlung ins Leben gerufen - mit großem Zuspruch bei den bisherigen Treffen. Verschiedene Projekte entstanden daraus, die Kinder und Jugendliche mitdefinieren konnten. In der Umsetzung wurden wir dabei vom Förderverein Lebenswerte Stadt Niederstotzingen e.V. unterstützt.
 
WZ: Wie sieht es mit der Schaffung eines Jugendzentrums aus?
 
BM Marcus Bremer: In den letzten Jahrzehnten unternahm die Stadt Niederstotzingen immer wieder den Versuch, ein Jugendzentrum einzurichten. Z. B. im Rathaus Oberstotzingen oder im damals noch vorhandenen alten Krankenhaus. Die Frage ist, wie viele Jugendliche bereit sind Verantwortung zu übernehmen und bestimmte Strukturen mittragen. Es gibt sie; solche Projekte enden relativ schnell, wenn der Übergang von einer Generation zur anderen nicht gelingt. Im bisherigen Grundschulgebäude bestünde zukünftig vielleicht die Möglichkeit einen neuen Versuch zu unternehmen. Nun müssen wir uns aber zunächst auf die Sanierung des aktuellen Gebäudes konzentrieren.
 
Neben den Umbauarbeiten an der Schule stehen größere Investitionen im Bereich der Wasserversorgung und der Abwasserbeseitigung bevor. Zentral wird dabei die Aufdimensionierung des Kanals in der Bahnhofsstraße, im südlichen Stadtbereich, sein. Dies kann aber erst nach Abschluss der Sanierung der B 492 mit der daraus resultierenden Umleitung erfolgen.
 
Zurzeit erschließen wir wegen hoher Nachfrage durch Bürger und Auswärtige weitere Baugebiete. In Oberstotzingen sind 18 Bauplätze vermarktet. In Stetten werden 2020 die ersten sieben Bauplätze von weiteren 17 erschlossen. Wir möchten auch weiterhin in allen Stadtteilen Bauplätze zur Verfügung stellen. Hierbei liegt der Fokus natürlich auch auf der Kernstadt.
 
Im Gemeinderat verabschiedeten wir ein Stadtentwicklungskonzept für eine strategische Planungsausrichtung bis 2030. Innerhalb des Gremiums erleben wir eine sehr gute Zusammenarbeit. In diesem Jahr wurde bautechnisch der Restabschnitt der Sanierung der Ulmer Straße abgeschlossen, wir sanierten Feldwege und Kanäle in Stetten und Niederstotzingen. Die Gewerbefläche Richtung Asselfingen steht zur Entwicklung an, welche bisher schon im Flächennutzungsplan enthalten ist. Wir erhalten durchaus Anfragen. Allerdings insbesondere von größeren Logistikunternehmen - wir liegen zwar verkehrsgünstig, doch ich sehe das Gebiet dafür als ungeeignet an. Unser Fokus muss auf Dienstleistern, Handwerksbetrieben und produzierendem Gewerbe liegen.
 
WZ: Wie zufrieden sind Sie mit der Bürgerbeteiligung beim Integrierten Stadtentwicklungskonzept?
 
BM Marcus Bremer: Die Beteiligung der Bürger*innen war großartig! Wir hatten den Eindruck, dass großes Interesse vorhanden war. Bei der umfangreichen Fragebogenaktion zu Beginn war der Rücklauf sehr, sehr gut. Das war wichtig, um belastbare Daten zu gewinnen. Verschiedene Präsenzveranstaltungen wurden gut angenommen.
 
WZ: Welches sind die Hauptziele des Stadtentwicklungskonzeptes für Niederstotzingen?
 
BM Marcus Bremer: Es gibt unterschiedliche Zielbereiche. Grundsätzlich wollen wir im Hinblick auf 2030 und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels auf ein stabiles Niveau von 4800 Einwohnern gelangen. Die Frage bestand darin, was dafür geschehen muss. Ein Ziel bestand beispielsweise auch in der Absicherung der ärztlichen Versorgung. Dabei gab eine glückliche Fügung. Es gab einen Investor auf der einen Seite und wir sind froh, dass sich die Ärzteschaft weiterhin zum Standort Niederstotzingen bekannt hat. Die Stadt unterstützte das Vorhaben durch die Schaffung von Baurecht in Form eines Bebauungsplans und der Erweiterung von Parkflächen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Praxen. In einem weiteren Handlungsfeld bestehen Überlegungen, wie unsere Senioren auch im Alter in Niederstotzingen bleiben können. Wir haben das Private Altenpflegehaus PAN vor Ort und es gibt auch barrierefreie Wohnmöglichkeiten in unserer Stadt. Was wir nicht haben, um eine gewisse Durchgängigkeit im Alter zu schaffen, ist Betreutes Wohnen. Es besteht Nachfrage. Im Bereich der Innenentwicklung möchten wir ebenso vorangehen und haben Eigentümer von Baulücken und Leerständen angeschrieben. Viele Eigentümer sind in dem Bereich selbst aktiv geworden, wodurch einige Baulücken geschlossen werden konnten. In Zukunft wird die große Frage bestehen, wie es gelingen kann, dass bestehende Immobilien im Ortskern nachgenutzt werden, um Eingriffe im Außenbereich zu vermeiden.
 
WZ: Welche Planungen infrastruktureller Art bestehen in den Bereichen Bildung und Betreuung?
 
BM Marcus Bremer: Im Bereich Bildung sind wir grundsätzlich gut aufgestellt. Es schmerzt uns, dass wir die Hauptschule verloren haben. Die Grundschule wollen wir daher zukunftsfähig ausrichten. Stolz sind wir auf unsere hervorragende Zusammenarbeit mit unseren kirchlichen Trägern und den Angeboten im Bereich der Kindertageseinrichtungen, der Villa Kaleidos und dem preisgekrönten Familienzentrum St. Anna, und unserem breit gefächerten Hortangebot. Wir befinden uns in der Konzeptionsphase, wie genau wir unser Betreuungsangebot im Gebäude der freiwerdenden Grundschule zukünftig zusammenführen bzw. erweitern können.
 
WZ: Wie gestaltet sich die Lage für Wirtschaft, Gastronomie und Vereine durch Corona?
 
BM Marcus Bremer: Die Corona-Pandemie hat unsere Gewerbetreibenden vor große Fragen gestellt. Gerade die Gastronomie hat es von Anfang an voll erwischt. Aber genauso betroffen waren auch Floristikgeschäfte, Therapieeinrichtungen, Optiker, Dienstleiter, Handwerksbetriebe und ortsansässige produzierende Unternehmen. Von städtischer Seite haben wir versucht den betroffenen Unternehmen Luft zu verschaffen und bei einzelnen Fragestellungen Hilfe angeboten. Denn ein belastbares Miteinander zwischen Vereinswelt, Gewerbetreibenden, Bürgerschaft und Verwaltung zeichnet unser Zusammenleben aus. Unsere Vereine als tragende Säulen in der Gesellschaft haben es durch Auflagen und die notwendigen Hygienekonzepte besonders schwer. Viele Einnahmen gehen verloren, da Feste nicht stattfinden können. Wie die Vereine das überstehen, wird die Frage sein und wie sich das auf Lebensqualität und kulturelle Angebote in unseren Städten und Gemeinden auswirkt. In Niederstotzingen konnte das zentrale Lindenfest für Familien- und Freundestreffen nicht stattfinden. Ebenso das Herbstkonzert des Musikvereins. Das Ritterturnier der Württemberger Ritter ist entfallen, Gesangvereine und Sportvereine haben zu kämpfen. Das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen des TSV Niederstotzingen steht eigentlich im nächsten Jahr an, befindet sich aber in einer unsicheren Planungssituation, so dass die Feierlichkeiten vielleicht um ein Jahr verschoben werden müssen. Auch die städtische Seniorenfeier haben wir abgesagt. Das sind Dinge, die jeden von uns bewegen. Ich hoffe, dass wir diese Zeit im guten Miteinander bewältigen und danach wieder durchstarten. Den Menschen fehlt der Austausch untereinander. Die Auswirkungen der Pandemie wird man erst in den kommenden Monaten und Jahren erkennen können. Ich hoffe, dass wir die Herausforderungen im Winterhalbjahr gut meistern. Vieles wird davon abhängen, wie verantwortungsvoll wir jetzt mit der Situation umgehen.
 
WZ: Herr Bürgermeister Bremer, worüber freuen Sie sich besonders, wenn Sie an Ihre bisherige Amtszeit denken?
 
BM Marcus Bremer: In den vergangenen 4 Jahren gab es viele schöne Momente. Ganz präsent war natürlich die 650 Jahr Feier gleich zu Beginn. Das war etwas ganz besonders und hatte insgesamt einen verbindenden Charakter in unserer Stadt. Es freut mich nach wie vor sehr, dass meine Familie so nett in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Im Bereich der Kommunalentwicklung haben wir mit dem Stadtentwicklungskonzept die Leitplanken für das Wirken der kommenden Jahre gesetzt. Ganz besonders freut es mich, dass wir die Grundversorgung mit dem neuen Netto-Markt sichern konnten und wir hinsichtlich der ärztlichen Versorgung eine Zukunft haben. Und auch infrastrukturell haben wir Schritte nach vorne gemacht. Sei es in der Abwasserbeseitigung mit der Modernisierung der Kläranlage, der Sanierung der Landesstraße zwischen Oberstotzingen und Stetten und der Sanierung der Ulmer Straße. Außerdem konnten wir die Internetversorgung der Bürgerinnen und Bürger im südlichen Stadtgebiet verbessern und arbeiten derzeit an weiteren Ausbaugebieten. Das sind schöne Entwicklungen, über die ich glücklich bin.
 
WZ: Welche Ziele bedeuten Ihnen für Niederstotzingen am meisten?
 
BM Marcus Bremer: In der Zukunft wird der Ausbau der Brenzbahn für Niederstotzingen eine wichtige Rolle spielen, um an Stuttgart 21 zu partizipieren. Damit werden Gemeinden wie Niederstotzingen noch attraktiver und bieten eine zusätzliche Perspektive. Zudem müssen wir es schaffen, dass wir ein neues Angebot an Gewerbeflächen zur Verfügung stellen. Darüber haben wir uns auch im Stadtentwicklungskonzept verständigt. In diesem Zusammenhang muss man die besondere räumliche Lage Niederstotzingens im Zusammenhang mit der Wasserversorgung der Region Stuttgart sehen. Daher liegt mir ein Interessenausgleich zwischen dem Land und der Stadt Niederstotzingen am Herzen. Denn durch das Wasserschutzgebiet haben wir nicht nur Einschränkungen bei der Flächenbewirtschaftung durch unsere Landwirte, sondern insbesondere auch in der gemeindlichen Entwicklung. Gerade im Hinblick auf unser Gewerbe.
 
WZ: Mit welcher Person der Geschichte würden Sie sich gerne über die heutige Zeit unterhalten?
 
BM Marcus Bremer: Ich glaube das ist wenig zielführend. Ich würde mich lieber mit einer Person aus der Zukunft unterhalten und fragen, welche Entscheidungen in den 20er Jahren dieses Jahrtausends die richtigen gewesen wären.
 
WZ: Herr Bürgermeister Bremer, wie finden Sie Ausgleich zur Arbeit in Ihrer Freizeit?
 
BM Marcus Bremer: Ausgleich finde ich durch die Zeit mit meiner Familie. Wir haben drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen mit 13, 10 und 7 Jahren.
 
 


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