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Die Wochenzeitung beim Ortsgespräch in Hermaringen

Hermaringens Bürgermeister Jürgen Mailänder spricht mit der Wochenzeitung über das "Für - Einander"-Projekt, das Bürger-E-Auto und darüber, was ihm an Hermaringen besonders gefällt.
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Foto: Daniela Stängle

WZ: Herr Mailänder, im vergangenen Jahr hat Bundespräsident Frank Walter Steinmeier die Hermaringer als kleinste selbständige Gemeinde im Landkreis zur Denkmaleinweihung Georg Elsers besucht. Wie kam der Besuch zustande? Macht Sie das als Bürgermeister stolz?
 
BM Jürgen Mailänder: Natürlich macht das stolz, doch nicht nur mich. Für uns alle war das einzigartig, der erste offizielle Besuch eines Bundespräsidenten im Landkreis. Was Steinmeier besonders gut gefiel und, wie er sagte, zu seiner Entscheidung für den Besuch führte, war die Entstehungsgeschichte des Denkmals. Keine Entscheidung von oben herab, sondern aus der Bürgerschaft selbst. Der Hermaringer Bariton Florian Götz singt in der Pop-Up-Opera "Nau bens hald I": "Das ist ein Denkmal, also denk mal!" Genau darum geht es: Das eine ist Georg Elsers Tat damals, das andere deren Bedeutung in der heutigen Zeit. Nicht alles glauben, kritisch hinterfragen, Zivilcourage zeigen, Mut haben, auch entgegen dem Mainstream zu handeln. Für uns ist das Denkmal nicht nur eine Erinnerung an Elser, sondern wir möchten den Geist Georg Elsers weitertragen in die nächsten Generationen. Gerade unter diesem Aspekt fanden wir es wichtig, junge Leute in die Entstehung des Denkmals miteinzubeziehen. Sieben verschiedene Entwürfe von Studenten der Hochschule für Gestaltung in Ulm wurden bereits ein Jahr davor erklärt und mehrere Monate ausgestellt. Auszubildende von der Bauinnung im Ausbildungszentrum Aalen haben den Betonteil gegossen, den Denkmalteil aus Holz setzten junge Leute zum Teil aus Hermaringen um. Die Gesamtidee entstand nicht im Rathaus, sondern durch eine bürgerschaftliche Initiative und Arbeitsgruppe.
 
WZ:Die Denkmalsinitiative hat auch lokal ihre Kreise gezogen: Im Juli präsentierten die OH! die Georg Elser Pop-Up-Opera im Landkreis. Wie kam die Elser-Oper an?
 
BM Jürgen Mailänder: Die Aufführungen kamen im Ort gut an. Ich war sehr beeindruckt, wie man innerhalb von 20 Minuten die Elser-Geschichte von der Zeit vor dem Attentat bis in die Neuzeit aufarbeiten kann. Wie Elser nach dem Krieg gesehen wurde, deutschlandweit und lokal. Die Schauspieler und Musiker fand ich toll, der Bariton Florian Götz, der den Elser spielte, stammt sogar aus Hermaringen.
 
WZ:Im vergangenen Jahr wurde das neue Johanniter-Seniorenzentrum in Betrieb genommen. Ist eine Einweihungsfeier geplant?
 
BM Jürgen Mailänder: Für den 1. Juli war die Einweihung mit einer großen Feier geplant. Der oberste Herrenmeister der Johanniter, Oskar Prinz von Preußen, hatte bereits zugesagt. Wegen Corona musste das Fest verschoben werden. Es wird sich zeigen, ob ein Termin noch im Oktober möglich sein wird.
 
WZ: Herr Mailänder: Wie funktioniert das "Für - Einander"-Projekt in Hermaringen?
 
BM Jürgen Mailänder: Bei einer Bürgerumfrage im Rahmen unserer Teilnahme an einem Trans-Europäischen Liederprojekt stellte sich heraus, was Bürger ab 40 am meisten vermissen. Es entstand zuerst ein Seniorennetzwerk mit Begegnungscafé und ehrenamtliche Unterstützung im Alltag. Die mitentwickelte Tagesbetreuung wurde nicht nachgefragt, weil Menschen täglich professionelle Betreuung brauchen, nicht nur einmal in der Woche. Mittlerweile wird die Tagespflege über das Johanniter-Seniorenzentrum abgedeckt. Im "Für-Einander"-Projekt unterstützen sich Bürger gegen einen kleinen Betrag mit Besuchs- oder Fahrdiensten zum Arzt, kleinen Handgriffen in Haus oder Garten. Man kommt mal zum Kaffee vorbei oder geht mit jemandem spazieren, wenn jemand einsam ist. Das Begegnungscafé lief bis Corona sehr gut. Die Organisatoren laden die Besucher nicht nur zu selbstgebackenen Kuchen ein. Sie holen die Leute auch von zuhause ab und bereiten für jeden Donnerstag ansprechendes Programm vor. Seit wir aus Sicherheitsgründen für die Risikogruppe entschieden haben, das Café wegen Corona auszusetzen, erfahre ich von beiden Seiten, dass sich die Personen gegenseitig fehlen. Mit den über 80-jährigen habe ich ja zu ihren Geburtstag Kontakt, vor Corona konnte ich sie auch besuchen. Das Begegnungscafe hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt.
 
WZ: Seit 2011 verfügt Hermaringen als einzige Gemeinde im Kreis Heidenheim über eine Bürgergenossenschaft, die BürgerKraftwerke Hermaringen eG, mit rund 180 Genossen. Welche Erfahrungen machen Sie damit?
 
BM Jürgen Mailänder: Die Genossenschaft ist sehr erfolgreich und feiert nächstes Jahr ihr Zehnjähriges. Etwa 85 Prozent der Genossen sind Hermaringer Bürgerinnen und Bürgern. Wir haben eine gute Rendite von über drei Prozent, die wir regelmäßig ausschütten. Im Fokus steht für uns jedoch die lokale Energiewende. Wir bauen PV Anlagen auf den kommunalen Gebäude, sind mit 30 Prozent im lokalen Solarpark beteiligt und an einem Windpark auf der Schwäbischen Alb. Seit vergangenem Jahr haben wir uns mit 50.000 Euro für achteinhalb Jahre als einer der Zusatzfinanciers des Windrades für die Belegklinik für Homöopathie am Klinikum Heidenheim verpflichtet. Freiwillig werden wir die Hälfte der jährlichen Ausschüttung von 2.000 Euro der Belegklinik spenden; insgesamt 8.000 Euro.
 
WZ: Wie wird das Bürger-E-Auto "SWU-2Go" angenommen?
 
BM Jürgen Mailänder: Seit Beginn des Projekts im April 2019 ist die Nutzung durchschnittlich. Wir würden uns wünschen, dass die Bürger das Bürger-E-Auto noch intensiver nutzten würden. Denn das Angebot ist wirklich günstig. Gerade der Wochenendtarif ist günstig: Die Stunde kostet zwei Euro. Bei fünf Stunden sind das zehn Euro. Fahren Sie damit 100 Kilometer kommen zehn Euro dazu. 20 Euro- für junge Leute lohnt sich das, wenn man die Kosten teilt. Es gibt die Möglichkeit, das Auto als Abonnement- oder Gelegenheitsnutzer zu fahren. Für beide liegt der Kilometerbetrag bei 10 Cent.
 
WZ: Corona - Wie gehen die Hermaringer damit um?
 
BM Jürgen Mailänder: Wir hatten nur zehn registrierte Infektionen in der ganzen Zeit, Gott, sei Dank keinen Todesfall. Seit 15. April gab es keine Neuinfektionen mehr, wir hatten keine größeren Probleme in Schule oder Kindergarten. Den Regelbetrieb dort wieder unter Pandemiebedingungen aufzunehmen, ist eine Herausforderung. Wir hatten natürlich große Angst, dass im Seniorenzentrum alles gut geht. Insgesamt sind wir im Landkreis bisher gut durchgekommen. Im öffentlichen Leben fehlen den Leuten die kleinen Feste, das sich-Treffen. Es ist nicht die Unbeschwertheit wie davor. Für die Vereine bedeutet das einen Riesenaufwand, die Corona-Anforderungen zu erfüllen. Die beiden Gattungen Gesang und Musik haben es besonders schwer - da wird es noch spannend, welche Vorgaben vom Land kommen. Austrittswellen gibt es bei uns keine. - Man spürt, dass es einen sehr starken Zusammenhalt gibt. Das Wir-Gefühl ist in Hermaringen intakt.
 
WZ: Herr Mailänder, was bietet Hermaringen derzeit aus infrastruktureller Sicht?
 
BM Jürgen Mailänder: Wir können momentan infrastrukturell alles bieten - mit Ausnahme hausärztlicher Versorgung. Wir haben Zahnarzt, Banken, eine Metzgerei mit Regiomat, einen Supermarkt, einen Bäcker im Supermarkt, das Rathaus mit dem Komm-In mit Post und einer Lottostelle, Kindergarten und Grundschule mit jeweils vollständigem Ganztagesangebot, eineApotheke, eine Tankstelle, einen Bahnanschluss mit stündlicher Verbindung, einen guten Anschluss zur Autobahn. Alles weiterführende an Schulen oder Fachgeschäfte befinden sich unweit in Giengen und Umgebung. Mit dem Projekt auf dem ehemaligen Mühlenareal am Bahnhof sind wir vorsichtig optimistisch was die hausärztliche Versorgung betrifft. Ich bin optimistisch und hoffe, im Herbst etwas präsentieren zu können.
 
WZ: Was gefällt Ihnen in Hermaringen besonders?
 
BM Jürgen Mailänder: Diese tolle Identifikation der Hermaringer mit ihrer Gemeinde beeindruckt mich; und dass sie ihr gewähltes Organ, den Gemeinderat und mich als Bürgermeister, die ganzen Jahre über so toll unterstützen. Wir können hier wirklich toll miteinander arbeiten, weil die Fortentwicklung der Gemeinde allen am Herzen liegt. Vielleicht konnten wir in den vergangenen 18 Jahren auch deshalb so vieles realisieren. Die Bürgerschaft in Hermaringen ist sehr engagiert, sowohl in den Vereinen als auch in verschieden Projekten.
 
WZ: Was steht in Hermaringen aktuell und im kommenden Jahr an?
 
BM Jürgen Mailänder: Vor zwei Wochen konnte der Neubau der Brücke über die Kronenstraße vor dem geplanten Termin im September fertiggestellt werden. Das hat uns im letzten Jahr finanziell und bautechnisch viel bewegt. Ein weiterer Kindergarten befindet sich derzeit im Bau und soll im Frühjahr 2021 bezugsfertig werden. Die Sanierungsbereiche am Brenzufer konnten dieses Jahr fertiggestellt werden. Nach der Sommerpause geht es am Bahnhofsbereich weiter. Der größte Arbeitgeber in Hermaringen, die Firma Hauff, expandiert. Auch über die Entwicklungen im Baugebiet haben wir uns sehr gefreut: Die 24 Bauplätze wurden in einem guten halben Jahr verkauft. Fünf der Käufer haben mit dem Bau begonnen. Wir möchten zusätzlich innerörtliche Potentiale heben und uns entsprechend gemäßigt weiter nach außen orientieren, sind auf der Suche nach einem neuen Baugebiet. Am Mühlenareal ist das Senioren- und Pflegezentrum in Betrieb genommen, die 17 Mietwohnungen der Kreisbau sollen dieses Jahr noch bezugsfertig werden, Im Bau befindet sich gerade der dritte Baustein: die Eigentumswohnungen mit Apotheke und Praxisräumen. Priorität hat das Thema Gesundheitsversorgung, im nächsten Jahr wir uns das sehr intensiv bewegen.
 
WZ: Können Sie angesichts der Coronaauswirkungen wie bisher weitermachen?
 
BM Jürgen Mailänder: Die Nachwirkungen der Coronakrise werden noch ein paar Jahre zu spüren sein. Das Land hat den Kommunen Unterstützung zugesagt. Wir müssen darauf gefasst sein, dass wir zwei, drei Jahre lang kleinere Brötchen backen müssen. Das Gute in Hermaringen ist, dass wir den Hochbaubereich der kommunalen Gebäude abgeschlossen haben- Kindergarten, Schule, Gemeindehalle, Feuerwehrhaus, Rathaus, Friedhof sind alle generalsaniert oder neu gebaut. Es wird die Gemeinde nicht zurückwerfen, wenn die nächsten beiden Jahre zurückhaltender investieren, bis alles überstanden ist. Danach ist die leitungsgebundene Infrastruktur dran - Wasser, Strom, Abwasser. Mit der Kläranlagensanierung haben wir begonnen.
 
WZ: Was wünschen Sie sich für die Gemeinde Hermaringen?
 
BM Jürgen Mailänder: Der Gemeinde Hermaringen wünsche ich, dass sie weiterhin so zusammenhält wir bisher, denn das ist wirklich hervorragend! Gemeinsam sind wir stark. Nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, Bürgerschaft, Vereine, Gemeinderat, Bürgermeister, dann kommen wir vorwärts. Ansonsten ist mein größter Wunsch, dass es uns gelingt, die Sehnsucht der Bevölkerung nach einer ordentlichen Gesundheitsversorgung vor Ort zu erfüllen.
 
WZ: Über welche Ihrer Errungenschaften während Ihrer bisherigen Amtszeit freuen Sie sich besonders?
 
BM Jürgen Mailänder: Infrastrukturell ist das neue Seniorenzentrum über die gesamte Amtszeit schon ein Highlight. Es ist uns damit gelungen, für die älteren Bürger die Möglichkeit zu schaffen, im Alter an ihrem Wohnort zu bleiben. Hermaringen wird dadurch zum generationenfreundlichen Ort mit einem Rundum-Angebot, auch durch die zusätzlichen Mietwohnungen und Eigentumswohnungen für junge Familien. Die Brenz ist ein wertvoller Aspekt für uns. In Hermaringen lässt es sich gut leben, auch mit viel Natur ringsum. - Kommst du gut hin, kommst du gut weg.
 
WZ: Was bewegt Sie derzeit persönlich am meisten?
 
BM Jürgen Mailänder: Am meisten bewegt mich derzeit die Corona-Pandemie. Ich hoffe, dass bald ein nebenwirkungsarmer Impfstoff oder Medikament gefunden wird. Dass die Krankheit ihren Schrecken dadurch verliert. Mich bewegt, dass vieles, das zu unserem Leben dazugehört, Vereinsleben, Kultur, die freien Künstler, die Gastronomie - da will ich nicht mal an Urlaub denken - hoffentlich gut durch die Krise kommen. Dass diese Bereiche nicht so ausgedünnt werden, dass Lebensqualität nicht dauerhaft verloren geht, auch wenn Einschränkungen derzeit notwendig sind.


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