Falsche Tierliebe schadet den Jungvögeln 37  |  08.05.2020 09:00

Eindringliche Warnung des Nabu: Finger weg von scheinbar hilflosen Vogeljungen - denn so verlassen, wie sie manchmal wirken, sind sie nicht.

Bilder

Die Vögel sind früh dran mit der Brut in diesem Jahr. Bei manchen Staren, Spatzen und Kohlmeisen bettelt schon der erste Nachwuchs im Nest nach Futter - etwa zwei bis drei Wochen früher als sonst.
 
Im Frühjahr und Sommer erreichen den Nabu häufig Anfragen von besorgten Tierfreunden, wie sie scheinbar verlassenen Jungvögeln helfen sollen. Der Expertenrat lautet: Erstmal Finger weg!
 
„Die unerfahrenen und im Fliegen noch ungeübten Vogeljungen wirken auf den ersten Blick zwar hilflos. Sie aufzunehmen ist jedoch meist falsch verstandene Tierliebe“, sagt Ornithologe Daniel Schmidt-Rothmund. „Meine Bitte an alle Vogelfreunde: Lassen Sie die halbflüggen Jungvögel, so genannte Ästlinge, erstmal sitzen.“
 
Damit keine Tiere aus der Natur entnommen werden, die topfit sind, stellt der Leiter des Vogelschutzzentrums klar: „Das herzzerreißende Rufen von scheinbar verlassenen Jungvögel in Gärten und im Wald sind keine Hilfe,- sondern Bettelrufe. So halten die Vogeljungen Kontakt zu ihren Eltern. Sie halten sich in der näheren Umgebung ihres verlassenen Nests auf und werden dort weiter von den Altvögeln gefüttert.“ Greift der Mensch in dieser sensiblen Phase ein, unterbricht er die Bindung zwischen Alt- und Jungvogel.
 
Bei Gefahr durch Katzen oder Straßenverkehr kann ein Jungvogel kurz aufgenommen und dann ohne Probleme nahe dem Fundort in einen Busch oder Baum abgesetzt werden. Anders als bei Rehen nehmen Vogeleltern ihre Jungen wieder an, wenn diese von einem Menschen berührt wurden. „Kuscheln ist trotzdem nicht erlaubt. Jungvögel sind Wildtiere, denen nur im echten Notfall geholfen werden darf. Ansonsten wäre dies ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz.“
 
Sind die Jungen aus dem Haus, machen sich die Vogeleltern vieler Vogelarten an eine zweite oder sogar dritte Brut. So endet die Brutsaison für Gartenvögel wie Kohl- und Blaumeise erst im August. „Nistkästen müssen nicht gleich nach der ersten Brut gereinigt werden. Wenn über einige Tage hinweg sicher kein Vogel mehr ein- und ausfliegt, kann das nachgeholt werden“, weiß der Ornithologe.
 
Frühe Brutzeit durchfortschreitenden Klimawandel
Dass es jetzt schon halbflügge Jungvögel gibt, liegt an den von Jahr zu Jahr früher brütenden Vogelarten, die bei uns überwintern: Sie können bei milder Witterung schon Ende März mit der Brut beginnen. Stare und Feldlerchen waren schon im März zurück, und in den letzten Wochen sind auch Zugvögel wie Hausrotschwänze, Trauerschnäpper und Wendehälse einige Tage früher zurückgekommen als in den letzten Jahren. Diese zeitlichen Verschiebungen sind dem Klimawandel zuzuschreiben: Die Vögel reagieren mit ihrem Brutverhalten auf die Veränderungen in der Natur.
 
Informationen und Rat zur Abgabe von Fundtieren bekommt man online unter www.nabu-vogelschutzzentrum.de/vogelpflege
pm/nabu