Exklusiv-Interview mit Marcus Bosch: „Star Wars" unter freiem Himmel

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In Jeans oder im Cocktailkleid: Mit den Opernfestspielen erlebt man internationale Extraklasse. Los geht‘s am Freitag, 23. Juli mit dem Eröffnungskonzert, am kommenden Sonntag folgt „Peter und der Wolf“ beim Familienkonzert.

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OPER FÜR ALLE: Marcus Bosch freut sich auf das wohl populärste OH-Programm, das es je gegeben hat.

OPER FÜR ALLE: Marcus Bosch freut sich auf das wohl populärste OH-Programm, das es je gegeben hat.

Foto: Denise Krentz

Eine Flasche Wein unterm Arm, ein paar Gläser, ein Stück Käse oder Wurst, ein sommerlicher Abend mit Familie und Freunden in Konzertatmosphäre im Brenzpark: so würde Marcus Bosch, der Künstlerische Leiter der Opernfestspiele Heidenheim etwa die „Last Night – Klassik unter Sternen“ am 1. August um 20 Uhr zusammen mit den Besuchern in der Brenzpark-Arena genießen, wenn er nicht für als Dirigent vor Ort wäre.
 
Chic und leger begegnen sich in der Opernfestspielsaison in besonderer Weise: Die Opernfestspiele laden ab dem kommenden Freitag, 23. Juli (Eröffnungskonzert „Virtuos“ um 20 Uhr) ein in den Brenzpark mit dem bisher wohl populärsten Programm. Special Guests, TV-Stars, Überraschungen, internationale Festspielqualität, unterschiedliche Musikgenres - Feierstimmung für alle ist dabei angesagt.
 
Herr Bosch, Sie sind sicher im Stress wegen der aktuellen Vorbereitungen?
Ich gebrauche das Wort Stress selbst nie, es kann an sich schon etwas Negatives vermitteln, ohne dass Menschen das so meinen. Ich sage lieber „Dafür habe ich im Moment keine Zeit.“ Oder wenn ich Hilfe brauche, sage ich, „Es ist gerade viel, kannst du mir helfen?“ Das finde ich zielgerichteter, als zu sagen, dass etwas nervt. Ja, ich habe viel zu tun, aber so habe ich es gerne. Ich liebe das und bin froh, dass es wieder so ist.
 
Welche Veränderungen gab es in diesem Jahr für die OH! im Vorfeld zu bewältigen?
Wir sind 2021 natürlich mehrfach getroffen. Das Schloss muss baulich gesichert werden. Anfang des Jahres war klar: einer unserer Hauptspielorte wird damit wegfallen. Wir hatten die Hoffnung, dass das Kreisimpfzentrum bis zu den Spielen seinen Dienst getan hat, dem war nicht so. Es hätte allerdings nichts geändert, weil wir durch die Regeln im Orchestergraben kein großes Orchester hätten platzieren können. In der Pandemie können wir auch nicht mit 300 Kindern ins Opernzelt gehen - es fiel uns auch der dritte Spielort für die OH! Familienkonzerte weg.
Das Aus für unsere drei Opernproduktionen. Wir hatten das Format "Klassik unter Sternen" als Abschlussabend der OH! vorgesehen und beschlossen, möglichst viel Programm im Brenzpark zu machen und arbeiteten ein gänzlich neues Programm aus. Wir wollen vor allem die freiberuflichen Musiker nicht alleine lassen - die Besetzung von I due foscari sitzt eins zu eins auf Il Trovatore mit Katerina Hebelkova als Azucena, die mehrfach bei den OH! gesungen hat.
Wir planten das Konzert VIRTUOS!, das Eröffnungskonzert wurde zum Galakonzert, weil es später liegt mit der renommierten italienischen Geigerin Anna Tifu. Die Last Night mit ursprünglich Carmina planten wir wegen der Abstandsregeln für Chor um. Tageweise änderte sich die Entscheidungslage mit Inzidenzen und Vorgaben durch die Bundesregierung. Wir fragten Ministerien nach Entwicklungstendenzen an. Wie erhalten wir für die immer neu geänderten Formate Fördergelder?
Oberbürgermeister Bernhard Ilg danke ich ausdrücklich für seine Unterstützung und die Möglichkeit, weiter zu planen. In vielen anderen Städten wurde alles abgesagt, weil sie mit den Planungen nicht so lange warten wollten und die Ungewissheit eines späten Kartenvorverkaufs eingehen. Ich hoffe, dass die Inzidenzen so weit unten bleiben, dass wir die Spiele durchführen können. Wir wissen heute, dass, wenn die Leute geimpft, getestet sind, die Veranstaltungen sicher sind. Die Hoffnung: niedrige Inzidenz, gutes Wetter, gut gelauntes Publikum und nochmals so viele Karten verkaufen.
 
Was hat Sie heuer zur Wahl der Oper „Il Trovatore“ von Giuseppe Verdi bewegt?
Bei unserer konzertanten Opernaufführung am kommenden Samstag, 24. Juli wollte ich etwas Populäres aus der Trilogia populare zeigen und dabei die Chance nutzen, das Stück zusammen mit der Cappella Aquileia aufzuführen. Der Abend eignet sich wunderbar für gemütlichen Operngenuss, auch im kulinarischen Sinne: Sich im Brenzpark gemeinsam mit einer Flasche Wein und einem Stück Käse hinsetzen und zuhören. Es gibt aber auch Catering.
 
Bei der „Last Night“ vereinen die  Opernfestspiele Klassiker und Filmmusik aus „Harry Potter“ oder Star „Wars“. Erfüllen Sie sich den Traum „Oper für alle“?
Bei „Klassik unter Sternen“ versuchen wir am letzten Abend bewusst, ein im besten Sinne populäres Programm zu bieten. Es geht los mit „Carmen“ von Bizet, dann gibt es ein bisschen Operette und spanisches Zarzuela, und in der zweiten Hälfte gibt es Filmmusik von Großmeister John Williams. Ich glaube, da wird es nur wenige geben, die sagen, „das ist nicht mein Geschmack.“ Zum Schluss ist eine große Überraschung geplant, die ich natürlich noch nicht verrate.
 
WZ: Was erwartet Konzertbesucher zur Brenzpark-Bühneneröffnung "VIRTUOS!"?
Im Eröffnungskonzert ist die Ouverture von Richard Wagners "Thannhäuser" das Einzige, was noch von ursprünglichen Programm verblieben ist. Die Oper Thannhäuser war geplant, wahnsinnig virtuos für die Geigen. Das Trompetenkonzert von Arutiunian ist etwas sowjetischer, ein mit volkstümlichen Farben, sehr virtuos gestricktes Konzert. Mit Romain Leleu konnte ich den aktuellen französischen Trompetenstar engagieren. Er ist in der Klassik wie im Jazz unterwegs. Nach der Pause präsentieren wir Tschaikowsky 6, eines der Schwergewichte der Orchesterkracher, ein Stück mit Jubelgarantie, wir sagen "Orchesterfetzer"!
 
Wie laufen die Vorbereitungen im Brenzpark - die OH! befinden sich 2021 auf neuem Terrain…
Für die OH! neu, für mich nicht so sehr. Ich habe beispielsweise in Lohsheim im Saarland die Festspiele mitgegründet, habe in Aachen die Kurpark Classics gegründet und viel auf diesen Bühnen dirigiert. Wir wollen in Zukunft als Künstler enger im Brenzpark zusammenarbeiten, um den Brenzpark noch besser zu nutzen. Siggi Schwarz ist für den OH! KonzertSommer mit in unserem Team, was ich klasse finde. Seine Erfahrung als langjähriger Veranstalter auf dem Platz ist von unschätzbarem Wert. Es zeigt sich, dass wir Musiker auch genreübergreifend zusammenarbeiten können.
 
Was möchten Sie Besuchern in diesem Jahr besonders ans Herz legen?
Besonders am Herzen liegen mir die Angebote, die wir für Kinder im Programm haben. Am kommenden Sonntag, 25. Juli ist TV-Moderator Juri Tetzlaw beim Familienkonzert zu Gast. Ich hoffe, dass viele Kinder den Brenzpark wegen ihm besuchen und „Peter und der Wolf“ kennenlernen, wobei es sich ja um eines der schönsten Kinderstücke handelt, die je geschrieben wurden. Jedes Kind sollte es einmal gehört haben. Ein Stück, in das ich mich als Kind verliebt habe, was der Auslöser dafür war, dass ich Kontrabass spielen lernte. Es war mein erstes bewusst gehörtes Orchesterkonzert, damals in der Waldorfschule. Seither habe ich das oft selbst dirigiert. Jedes Kind sollte "Peter und der Wolf" gehört haben.
 
Wie lautet Ihre Botschaft in diesem Jahr an die Zuhörerschaft?
Die erste Botschaft an alle Zuhörer lautet "Vielen Dank, dass Sie da sind, wenn wir OH! Programm anbieten!" Wir haben wirklich einen Ansturm auf die OH! Karten erlebt und sind momentan bei 80 Prozent Auslastung. Das ist in diesen Zeiten nicht selbstverständlich und auch in größeren Städten nicht Gang und Gebe. Daran sieht man, dass sich Heidenheim zur Kulturstadt entwickelt hat. Und weiter: Lassen Sie uns daran weiterwachsen, wo wir vorher waren. Wir waren im beständigen Wachstum begriffen. Ich hoffe, wir kommen wieder zurück, das geht nur mit dem Publikum. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Menschen Offenheit entwickeln für sich selber, um ihren persönlichen Horizont in kultureller Hinsicht zu erweitern. Ich glaube, die unterschiedlichen Formate dazu sind jetzt vorhanden.
 
Welchen Gewinn ziehen Sie persönlich aus der Musik? 
Dieses Einlassen auf Musik kann Gänsehaut, ja Glück auslösen. Vor kurzem saß ich mit einer hochrangigen Dame zusammen, sie beschrieb die Wirkung von Musik auf sie: ‚Ich kann im Konzert kaum an mich halten, weil mich das so mitnimmt. Ich würde am liebsten tanzen und schreien.' - Das ist aber für jeden anders. Bei mir ist das nicht so. Weinen musste ich schon oft. Für manche ist es ein Riesenerlebnis, zu sehen, wie so viele Menschen mit ganz wenig Aufwand in einer Zehntelsekunde das Gleiche tun. Dieses Glücksgefühl, das dabei entstehen kann, von dem kann ich sprechen. Aber man kann das nicht herbeizwingen. Wer noch nie ein klassisches Konzert besucht hat, ist eingeladen, zu erleben, wie das fetzt, wenn Star Wars mit Orchester auf dem Platz gespielt wird, wenn es dunkel wird, und am 1. August vielleicht schon Sterne zu sehen sind. Das sind Erlebnisse! In Nürnberg war ich auf Konzerten, bei denen am Ende 100.000 Menschen solche Konzerte in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern besuchten. Das kommt ja nicht von ungefähr. Da war jeder Zehnte auf dem Platz. Dahin würde ich auch hier gerne kommen. Das wäre mein Traum zum Abschluss: 5.000 Menschen zum Konzert in der der Arena im Brenzpark, das wäre doch großartig! Das ist wie Bob Dylan! Beim Dirigieren ist man ja mit so vielem beschäftigt, da gibt es wenig Zeit zum totalen Genießen, leider. Dabei ist dann etwas Anderes spannend. Insofern wünsche ich das jedem, dass er die Konzerte genießen kann und frei dafür ist.
 
Welche Rückmeldungen erhalten Sie durch ihre gesteigerte Internationaltiät durch die Plattform Idagio?
Idagio ist ein Instrument, mit dem Sie mit einem Schlag weltweit präsent sind, durch den Idagio Newsletter gewinnen wir nochmals an Reichweite. Auch im asiatischen Raum. Es gibt Menschen, die mir schreiben. Leute, die an Konzertterminen keine Zeit haben, profitieren. Das Ziel ist uns gelungen, die Marke OH! international präsent zu machen. Bei den Idagio Konzerten erscheinen wir direkt neben den weltweit großen Namen der Opernszene. Es hilft, dass man einfach mal den Namen gesehen hat und sich im Laden am CD Regal daran erinnert. Unsere neuste CD ist wieder nominiert für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Wir sind in sieben Nominierungen für Opus Klassik, ich zweimal als bester Dirigent. Nur im internationalen Abgleich können und müssen wir unsere Qualität beweisen. Die OH! sind in der Krise zur internationalen Marke geworden. Das OH! Dvorak Requiem am Fr, 30. Juli, 20 Uhr wird einen Tag zeitversetzt auf Idagio übertragen, da wir nur 250 Personen in die Pauluskirche lassen dürfen. Auch für uns als Musiker ist es schön, das im Nachhinein zu sehen. Unser Konzert "Dvorak pur" ist ebenfalls noch auf Idagio verfügbar, unser "Best of Mozart" kann auf unserem Youtubekanal gesehen werden.
 
Über welche Kritiken haben Sie sich im letzten Jahr besonders gefreut?
Zum Glück über viele (lacht). Nein, wir waren extrem gut. Wir waren in der FAZ, der Süddeutschen, internationalen Magazinen, mit den Beethoven Aufnahmen waren wir bei Radio France als CD des Tages vertreten, in Österreich mehrfach. Viele sehr gute Kritiken haben wir erhalten, soweit ich weiß nur eine negative. In den Leitmedien werden wir immer stärker wahrgenommen. Das merkt man schon. Es gibt dann vermehrt Interviewanfragen, das verändert sich. Für mich besteht die Kunst darin, abzuschätzen, werde ich jetzt gefragt als Privatperson, als Künstlerischer Leiter der Opernfestspiele, als Professor in München oder als Chef der GMD Konferenz.
 
Was bedeutet Festivalzeit für Sie als Familienvater? 
Mein kleiner Sohn sagt: "Papa Arbeit. Diligilen." In der Pandemie durfte er immer ein paar Minuten die Live Streams sehen. Am Morgen war er immer ganz versessen darauf "Papa diligilen" zu gucken. Die anderen Kinder sehen ab und zu auch mal rein oder gehen mit ins Konzert. Es ist bei uns gelernt und völlig selbstverständlich. Ich lebe davon, das ist meine Arbeit. Das Ziel aller Organisation und der Sammlung von Sponsorengeldern ist lediglich, um am Ende möglichst gut Musik machen zu können. Alles führt immer nur zur Aufführung hin. 
 
Wie geht es den Musikern jetzt vor dem Start?
Die Musiker haben viel Geld verloren. Viele haben ihre Altersversorgung drangegeben, um zu überleben. Gebeutelt. Ich spreche von den Freiberuflern. Die Festangestellten haben meist Patchworkeinkommen, so wie ich ja auch. Die haben den freien Teil verloren. Die Politik hat anfangs große Versprechungen gemacht, Milliarden ins Fenster gestellt, die teilweise mit dem Kleingedruckten unmöglich waren abzurufen. Da besteht große Enttäuschung. Vor den Hoffnungen auf die Soforthilfe haben Steuerberater gewarnt. In manchen Bundesländern erhielten die Künstler die Gelder nicht, wenn sie z.B. kein separates Geschäftskonto hatten. Welcher Freiberufler, Musiker braucht ein Geschäftskonto! Die leben von der Hand in den Mund. Geschäftskosten für Musiker ist das Essen. Wenn er keine Beschäftigung hat, besitzt er auch kein Einkommen, muss aber trotzdem weiter seine Kosten decken. Ein Künstler arbeitet oft, um sich sein Brot zu kaufen. Das hat die Politik bis zum Schluss nicht verstanden. Württemberg ist da relativ gut damit umgegangen, das muss man klar trennen. In manchen Bundesländern ist ganz lange nichts passiert. Wir hatten Glück: bei uns hat das Neustadt Kulturprogramm für ein Viertel einer neuen Tribüne am Schloss gegriffen. Mit Pandemiebewältigung hat das allerdings nichts zu tun. Jeder ist glücklich, dass es jetzt weitergeht, dass wir wieder spielen dürfen. Ein Trompeter sagte mir heute: ich bin froh um jede Probe, die ich spielen darf! Es gibt in den Orchestern auch das Abbild der Gesellschaft, manche sagen, mit Schutzmaßnahmen, alles gut. Andere wiederum haben Angst, weil sie Vorerkrankungen haben oder es gibt Querdenker - wobei ich den Begriff nicht so negativ sehe, Querdenker war einmal ein positiv besetztes Wort im Sinne von "Mehr-Nachdenker". Jemand, der das Geld braucht, um zu überleben, sieht das alles nochmals anders als jemand, der auch mit Kurzarbeit noch in Sicherheit von zu Hause aus arbeiten kann. Was noch dazu kam: Viele Musiker nahmen zwischenzeitlich andere Jobs an, um zu überleben. Daher griff die Künstlersozialkasse bei ihnen nicht mehr. Künstlerisch durften sie nicht mehr als 450 Euro verdienen. Jetzt wurde das zum Glück auf 1300 Euro erhöht. Der Druck hat genützt. Ich war an der Lobbyarbeit im Hintergrund beteiligt. Für Musiker war das ein tiefes Tal der Tränen. Nicht nur nicht spielen zu können, nicht seinem Lebenssinn nachgehen zu können, kein Geld zu verdienen, sondern auch diese Missachtung, dass die Politik nicht zugehört hat. Auf der einen Seite liegen die Millarden da, sind nicht abrufbar, man hatte den Eindruck, dass das inszeniert war. Warum ist das Kleingedruckte so gestaltet, dass das Geld auf keinen Fall ankommen kann? Das ist eine große Verletzung, die da geschehen ist. Mir ist bewusst, dass auch andere Branchen wie die freiberuflichen Musikern zu den Verlierern der Krise gehörten. Das Wichtige ist jetzt nach vorne zu sehen, das Wichtige ist, wirklich die Chance zu nutzen, dass wir Besucher mit weiten Armen willkommen heißen, es gibt für keinen mehr einen Grund nicht zu kommen. Weder der Eintrittspreis, noch die Location, noch die Garderobe oder die Musikrichtung - wir bieten alles außer Pop und Rock. DIE Chance wünsche ich uns allen in der Stadt zu nutzen, gerade auch für Kinder mit ‚Peter und der Wolf'. Große Umarmungen an alle mit diesem Programm!
 
Das Interview führte Daniela Stängle
 
Nähere Informationen zu Ablauf und Programm unter www.opernfestspiele.de.