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WZ-Ortsgespräch: mit Neresheims Bürgermeister Thomas Häfele

Der Bürgermeister von Neresheim, Thomas Häfele, über erfolgreiche Sommeraktionen und Chancen seiner Stadt in der nahen wie fernen Zukunft.

WZ: Herr Bürgermeister Häfele, noch bis 4. Oktober präsentiert die Stadt das "Blühende Neresheim", einer Gemeinschaftsveranstaltung von Stadtverwaltung, Vereinen und Gewerbetreibenden. Wie wird die Aktion angenommen?
Thomas Häfele: Den Stadtgarten durch das "Blühende Neresheim" in neuer Optik so aufgewertet zu sehen, wird von der Bevölkerung sehr gut angenommen. Auch bei Außenstehenden hat sich das sehr weit herumgesprochen. Wenn ich in der Stadt unterwegs ins Gespräch komme, wundere ich mich oft, aus welcher Entfernung unsere Gäste anreisen - aus Crailsheim, Dinkelsbühl, Aalen, Schwäbisch Gmünd. Die Aktion trifft genau den Nerv der Zeit in der Pandemie, dass Menschen in Kleingruppen oder alleine etwas unternehmen können in blühender Natur, mit Projekten und Skulpturenpfad. Neben dem Naturaspekt sollte die Stadt ursprünglich durch fast tägliche Events wie Konzerte, Seminare, Führungen und Verkostungen belebt werden. Einzelne Seminare, das Open-Air-Kino und "Musik im Grünen" lassen sich im weitläufigen Stadtgarten auf 12.000 Quadratmetern mit Abständen und Hygieneregeln sehr gut umsetzen.
WZ: Neresheim als anerkannter Erholungsort und zentraler Ausgangspunkt für Ausflüge hat viel zu bieten. Welche Projekte stehen im Bereich Naherholung im kommenden Jahr an?
Thomas Häfele: Es bedeutet eine große Aufwertung für die Zukunft, wenn ab der Einweihung Ende April 2021 die Härtsfeld-Museumsbahn "Schättere" von Neresheim bis zum neuen Bahnhof "Katzenstein" direkt an den Härtsfeldsee fährt. Mich begeistert, welche besonderen Härtsfeld-Highlights innerhalb dieser sieben Kilometer geboten sind: das Kloster Neresheim, das Naturschutzgebiet Zwing zum Wandern, die Schauköhlerei, der Golfclub Hochstatt, die Stauferburg Katzenstein, der Härtsfeldsee mit künftig aufgewerteter Gastronomie. Das Ziel der nächsten Monate wird für das "Gastliche Härtsfeld" die Entwicklung einer Gesamtkonzeption mit Vernetzung und Abstimmungen der Angebote. Auch im Blick auf das 365-Tage-Mammutprojekt "Heimattage 2024" wird das wichtig sein. Neben kleineren Veranstaltungen mit Schwerpunktthemen in jeder Kommune wird es drei große Events geben: Dischingen richtet den "Baden-Württemberg Tag" aus, Nattheim veranstaltet die Verleihung des Heimatforschungspreises, in Neresheim finden die Landesfesttage statt. Ein wichtiges Standbein der Naherholung in Neresheim mit einem weitreichenden Einzugsgebiet ist das einzige Freibad auf dem Härtsfeld, das Härtsfeldbad Freibad Kösingen. Durch Lieferstau von Baumaterialien in der Anfangszeit von Corona haben wir den Zeitpunkt für die Fertigstellung der Renovierungsarbeiten ins kommende Jahr verschoben. 2,1 Millionen waren für neues Becken und neue Technik geplant - durch die Verzögerung entschieden wir, auch das Gebäude zu entkernen, neue Umkleiden, Sanitär und Duschen zu bauen.
WZ: Welche Bauprojekte und infrastrukturellen Erweiterungen machen Neresheim für Privatpersonen und als Wirtschaftsstandort interessant?
Thomas Häfele: Neresheim ist im "Dreiländereck" zwischen Nördlingen, Aalen, Heidenheim als Wohnort wie als Wirtschaftsstandort interessant mit Lage an der B466 und der A7. Ein großes Thema ist die Erschließung von Gewerbegebieten. Aktuell ist die Belegung des bestehenden Gewerbegebiets "Im Riegel" (33 Hektar) abgeschlossen. Jeder ansässige große Betrieb hat sich Flächen für die eigene Weiterentwicklung gesichert. Für Neresheim entsteht mit dem neuen Gewerbegebiet "Im Riegel Nord" ein Megaprojekt mit nochmals 15 Hektar; es sind bisher rund 4,5 Millionen in Grundstücke investiert. Ab Anfang 2022 soll das Gebiet für Gewerbenachfragen offen stehen.
In Neresheim sind wir auch stolz, Schulstadt zu sein. Es ist toll, alle Schularten anbieten zu können und durch den guten Ruf unserer Schulen ein großes Einzugsgebiet zu haben. Wir sind jährlich unter den Top-Schulen in Baden-Württemberg. Im Bereich der Kinderbetreuung haben wir die Kapazitätsgrenze erreicht. Das wird uns in nächster Zeit stark beschäftigen. In Vorbereitungen sind wir für eine Übergangslösung, in der Ohmenheimer Grundschule richten wir eine Kindergartengruppe ein und planen bis ins Jahr 2022/23 einen weiteren zwei- bis dreigruppigen Kindergarten-Neubau der Stadt Neresheim. Im ersten Bauabschnitt wird auf dem Bildungscampus ein Kindergarten geschaffen, im zweiten Bauabschnitt ziehen wir dann die innerstädtische Grundschule mit nach oben zu einem Bildungshaus: Kindergarten und Grundschule unter einem Dach. Mittlerweile bewegen sich auf dem Campus mit Gymnasien, Werkrealschule und Realschule 1300 Schülerinnen und Schüler, ein Drittel der Schüler kommt aus Neresheim. Mittelfristig steht auch aus energetischer Sicht eine Generalsanierung der Härtsfeldschule an. Über den Digitalpakt mit einer halben Million an Finanzmitteln sind wir im ersten Schritt dabei, die Härtsfeldschule und das Werkmeistergymnasium mit den neusten Medien auszustatten. Mein persönliches Ziel wäre, dass jedes Kind sein eigenes iPad zur Verfügung hat. Ich denke, in Zukunft wird der schwere Schulranzen Geschichte sein, auf dem iPad wird für den Schüler wird alles bereitstehen.
In den vergangenen beiden Jahren haben wir die Digitalisierung stark vorangetrieben, seit 2019 gibt es in Neresheim eine StadtApp. In der ganzen Stadt haben wir bis zu 50 MBits, bis vor einigen Wochen waren es im Rathaus acht MBit, das kann man sich kaum vorstellen. Heute sind es 280 MBit, ein Quantensprung. Im nächsten Schritt wollen wir Glasfaser in den flächendeckend ausbauen, dazu bewerben wir uns beim Förderprogramm des Bundes und wollen sukzessive überall 280 Mbit bereitstellen. Wir sind auch dabei, die kommunalen Gebäude mit Wlan zu erschließen. Die Härtsfeldhalle hat Wlan seit 2018, auch die Härtsfeld-Sportarena, die Schulen, die Mensa - als nächstes sollen auch die Teilorte Wlan erhalten.
In den Sitzungssälen des Rathauses sind große Flatscreens eingebaut, das "papierlose Rathaus", E-Akte etc.wird Aufgabe der nächsten Jahre sein. Intern haben wir Laptops und iPads angeschafft und für Homeoffice entsprechende Tunnel gekauft. Corona hat diese Zukunftsentwicklung enorm beschleunigt. Klare Defizite bestehen im Bereich Mobilfunk. Seit zwei Jahren versuchen wir in unseren Teilorten Dorfmerkingen, Schweindorf, Kösingen ein örtliches Mobilfunknetz hinzubekommen. Dort ist man ohne Netz völlig abgeschnitten. Die Anbieter haben wegen geringer Bevölkerungsdichte oft gar kein Interesse, eine Verbesserung zu erzielen.
WZ: Über die digitale Kommunikation hinaus ist Ihnen auch der unmittelbare Bürgerkontakt durch die Bürgermeister-Sprechstunden wichtig...
Thomas Häfele: Grundsätzlich bekommt jeder bei mir einen Termin. Ich habe für alle ein offenes Ohr und sehe es innerhalb meines Amtsverständnisses als Aufgabe, den Bürgern versuchen weiterzuhelfen. Die Bürgersprechstunde einmal im Monat richtete ich ein, um die Hürde bei denjenigen Bürgern abzubauen, die nicht gleich wegen jeder Sache den Bürgermeister ansprechen. In diesem Zusammenhang sind mir als fester Rahmen auch jährliche Einwohnerversammlungen wichtig. Mir ist es ein Anliegen, mit allen ins Gespräch zu kommen. Denn nur auf Dinge, die ich mitbekomme, kann ich auch reagieren. Ergänzend dazu gibt es die Sprechstunden der Ortsvorsteher. Insgesamt werden die Sprechstunden sehr gut angenommen.
WZ: Welche Ziele möchten Sie in Neresheim in den kommenden fünf Jahren umsetzen?
Thomas Häfele: Wir wollen die Innenstadt mit ihren vielen Leerständen wiederbeleben und attraktiver machen. Hierzu wollen wir größere Flächen aufkaufen und auch hinsichtlich der Demografie neue Quartiere entwickeln. Was stark kommen wird, ist der Bereich "Altersgerechtes und barrierefreies Wohnen", auch im Zusammenspiel mit dem Stadtgarten. Ich finde es auf Geburtstagsbesuchen bei Senioren schade, wenn ich höre, dass Menschen, die ihr Leben lang in Neresheim wohnten, im Seniorenalter keine Möglichkeit haben, in der Innenstadt zu bleiben. Wir müssen denjenigen, die Neresheim in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben, auch die Gelegenheit bieten, zu bleiben.
Ein weiteres großes Ziel betrifft die Infrastruktur der Teilorte. Es ist wichtig, die Nahversorgung zu erhalten und auszubauen. Damit sich der Kreis schließt, gehört auch dazu, in allen Teilorten Bauplätze anzubieten. Ich stelle generell eine Trendwende fest: Wenn es vor einigen Jahren noch guter Ton war, in einer größeren Stadt zu wohnen, dreht sich das jetzt ins Gegenteil. Viele wollen raus aufs Land, auch die Bauplätze sind da noch erschwinglich. Für die Bevölkerung haben wir daher jetzt im dritten Jahr auch ein erweitertes Kulturprogramm im Angebot. Wer sich für Neresheim entscheidet, soll sich in jeder Hinsicht wohl fühlen können.
WZ: Was macht Sie besonders stolz in Neresheim? 
Thomas Häfele: Was mich immer wieder stolz macht, sind das ehrenamtliche Engagement und der Zusammenhalt in dieser Stadtgesellschaft, ohne den so vieles nicht möglich wäre. Egal, welches Projekt ansteht oder welche Idee ich habe, man findet immer Unterstützer. Die etwa 120 Vereine in Neresheim sind immer mit im Boot, das Netzwerk ist stark ausgeprägt.
Auch beim Projekt "Blühendes Neresheim" haben alle mitgemacht und sich gemeldet. Im Freibad Kösingen allein wurden zwischen 200 000 bis 300 000 Euro an Eigenleistung erbracht. In der Corona-Krise hat mich immer wieder begeistert, wie sich die Menschen gegenseitig halfen. Auch welches große Verständnis sie untereinander aufbrachten. Die Schule und der Kindergarten haben Masken genäht, die örtliche Firma GTA hat Stoffe für Masken verschenkt. Fahrdienste, Nachbarschaftshilfen, Unterstützung bei Einkäufen wurden eingerichtet. Das Miteinander funktioniert in Neresheim und seinen Teilorten hervorragend, es besteht durch die Vereinsstrukturen ein starker Zusammenhalt und ein hohes ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel stemmen wir das jährliche Stadtfest vollständig ehrenamtlich. Da mache ich mir keine Sorgen, das Landesmusikfest 2021 auf die Beine zu stellen - ich hoffe, dass es in der Pandemie stattfinden kann.
Großartig auch die Festakte und Veranstaltungen, die in den Teilorten durch die Vereine verwirklicht werden. Konzerte unserer Musikvereine, Konzertreisen nach Kanada, oder die Narrenzunft Neresheim, der Nachtumzug in Kösingen, im Bereich Fußball: Dorfmerkingen, ein kleiner Ort mit 1000 Einwohnern spielt in der Oberliga.
WZ: Wird es 2021 Fasching in Neresheim geben? 
Thomas Häfele: Es gibt erste Gespräche in welcher Weise Fasching in dieser Saison stattfinden kann. Wenn es keinen partyartigen Fasching geben kann, bedauert das jeder. Doch im Moment braucht es Verständnis. Viele vergessen, dass wir mit der Pandemie die zweitgrößte Herausforderung der Menschheit seit dem 2. Weltkrieg haben. Die Narrenzunft hofft auf die Durchführung der Traditionsveranstaltungen: Hofball, Zunftball, Hexengericht, Bürgermeisterabsetzung, überall, wo Abstandshaltung möglich ist. Wir versuchen, einzelne Veranstaltungen mit reduzierter Personenzahl durchzuführen, wollen auch bei der Hallenmiete entgegenkommen, um die Tradition zu leben, wenn es vertretbar ist. Es hängt alles davon ab, wie sich die Zahlen im Herbst und Winter entwickeln.
Die Bevölkerung hat es selber in der Hand. Für Massendemonstationen ohne Maske und ohne Abstandshaltung (Anm.: Das Gespräch fand vor dem Reichstagsgeschehen statt.) habe ich kein Verständnis; aus meiner Sicht ein äußerst egoistisches Verhalten und ein Schlag ins Gesicht der Mehrheit, die sich durch das Halten an die Regeln aktiv für eine Eindämmung des Virus einsetzen. Wo sind wir so sehr eingeschränkt in unseren Grundrechten? Wir tragen Maske beim Einkaufen und halten den Abstand ein und verzichten auf große Feste. Wir dürfen den Vorsprung durch die gute Handhabe der Regierung jetzt nicht durch Unverständnis und größere Veranstaltungen oder Urlaub in Risikogebieten verspielen. Man entdeckt jetzt wieder, was die Heimat zu bieten hat. Das Härtsfeld mit seinen Rundwanderwegen ist seit Corona als Freizeit- und Urlaubsgebiet noch stärker nachgefragt.
WZ: Herr Häfele aus reiner Neugierde: Wie kam die Ehrenmitgliedschaft der Abtei und der Stadt Neresheim in der Londoner Royal Academy of Music zustande?
Thomas Häfele: Das ist in der Tat eine absolute Besonderheit! Die Royal Academy of Music besucht die Abtei Neresheim schon seit dem Jahr 1991 für eine Probenwoche mit Abschlusskonzert im September. Aus Dank gegenüber Abtei und Stadt für die jahrelange Gastfreundschaft und die Unterstützung verlieh die Royal Academy die Ehrenmitgliedschaft. Als einzige Institution auf der Welt, die dort Mitglied ist, sind wir sehr stolz darauf. Diese Auszeichnung beschränkt sich auf 300 lebende Personen. Wir befinden uns dabei in Gesellschaft von Persönlichkeiten wie Elton John. Gerade befinden wir uns in Gesprächen, ob wir die Royal Academie in diesem Jahr noch für den 28./29. November zum Adventskonzert gewinnen können. WZ: Herr Bürgermeister Häfele, danke für das Gespräch.


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