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Mehr Mediziner: Warum die Versorgung dennoch ungenügend ist

Fast jeder vierte Mediziner in Praxis oder Klinik ist mittlerweile 60 Jahre und darüber. Welche Probleme sich dadurch auch zeigen und mehr zu den Ursachen.
WENIG ÜBERRASCHENDE ERKENNTNIS: Junge Ärztinnen arbeiten in Teilzeit als ihre männlichen Kollegen. Foto: stock.adobe.com/StockPhotoPro

WENIG ÜBERRASCHENDE ERKENNTNIS: Junge Ärztinnen arbeiten in Teilzeit als ihre männlichen Kollegen. Foto: stock.adobe.com/StockPhotoPro

Insgesamt hat die Zahl der Ärzte im Südwesten einmal mehr zugenommen: 2021 gab es 53 568 Mediziner im Land, ein Jahr später waren es 54 374 - Tendenz weiterhin steigend.

Und dennoch: „Obwohl wir im Land mehr Ärzte haben, gibt es zunehmend Probleme in der Versorgung. Das geht vor allem zurück auf veränderte Rahmenbedingungen für die ärztliche Berufsausübung. Es liegt aber auch an einem neuen Selbstverständnis unserer Mitglieder, die ihren Beruf zwar lieben, aber nicht mehr rund um die Uhr zur Verfügung stehen wollen“, sagt Dr. Wolfgang Miller, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

„Viele jüngere Ärzte stehen einer Niederlassung skeptisch gegenüber. Arbeitstage mit in der Regel zehn bis zwölf Stunden, ein erheblicher Teil davon für Bürokratie ohne Nutzen für die eigentliche Patientenbehandlung - das schreckt manche ab.“ Außerdem werde die Medizin zunehmend weiblicher: Laut aktueller Ärztestatistik liegt der Anteil der berufstätigen Ärztinnen an allen berufstätigen Medizinern im Südwesten inzwischen bei rund 48,4 Prozent. Und gerade junge Ärztinnen arbeiten aus naheliegenden Gründen häufiger in Teilzeit als ihre männlichen Kollegen.

Schließlich fordern die Fortschritte der Gesundheitsversorgung immer mehr ärztliche Arbeitszeit. „Jahre, Jahrzehnte, die unseren älteren Mitbürgern heute im Vergleich zu früher geschenkt sind, erfordern auch ärztliche Begleitung, von der hausärztlichen Basis bis hin zu komplexen medizinischen Prozeduren.“ Unter anderem werde so verständlich, dass trotz steigender Arztzahlen verhältnismäßig weniger Ärzte für die Versorgung zur Verfügung stehen.

Laut aktueller Ärztestatistik waren Ende letzten Jahres 12 879 der insgesamt 54 374 berufstätigen Ärzte im Südwesten 60 Jahre und älter. Das entspricht rund 23,7 Prozent – also fast einem Viertel. Ende 2021 waren es rund 23,2 Prozent, Ende 2020 rund 22,3 Prozent. Das entspricht einem Trend, der in vielen Branchen zu beobachten ist.

Allerdings müssen Extrembelastungen, überlange Arbeitstage und Arbeitswochen dann vermieden werden. „Wir möchten diese erfahrenen Ärzte möglichst im Beruf halten und weiterhin an der Versorgung der Patienten teilhaben lassen“, sagt Dr. Miller. Dabei sei vor allem die Politik gefordert: Es brauche entschlossenes Handeln für bessere Rahmenbedingungen ärztlicher Berufsausübung.

„Eine neue Vertrauenskultur und der Verzicht auf unnötige Bürokratie sind Faktoren, die hier mitentscheidend sein können“, so der Kammerpräsident. „Letztlich geht es um die sich ändernden Bedingungen, unter denen Patientenversorgung aktuell und in Zukunft stattfinden kann“, so sein Fazit. Es sei eine Kombination von Maßnahmen nötig, um das Problem an unterschiedlichen Stellen zu packen und die Versorgungslage angesichts der Möglichkeiten der Medizin und der älter werdenden Gesellschaft zu sichern und zu verbessern, so Miller weiter.

Die 150 zusätzlichen Medizinstudienplätze pro Jahr in Baden-Württemberg seien ein guter Ansatz, findet der Kammerpräsident. „Allerdings werden die ersten jungen Kollegen, die heute das Studium aufnehmen, frühestens in etwa zwölf Jahren alleinverantwortlich in der Versorgung zur Verfügung stehen. Wir müssen das bedenken, wenn wir die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung in den Blick nehmen.“

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg

Die Landesärztekammer vertritt alle Ärzte in Baden-Württemberg. Zu ihren Aufgaben gehören die Fort- und Weiterbildung von Ärzten, die Berufsaufsicht, die Qualitätssicherung sowie die Information von Bürgern über die ärztliche Tätigkeit sowie berufsbezogene Themen.

Info: www.aerztekammer-bw.de

 


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